Go to main content

Die Wiederkehr des Undenkbaren

Published on
Author
Konstantin Bätz
Tags
Meinung
Geopolitics

Odd Arne Westad skizziert anhand einer Analogie, wie Großmachtkonflikte entstehen. Redaktionsleiter Konstantin Bätz hat sein Buch gelesen.

Ist der Krieg zwischen Iran und den USA vorbei – oder beginnt nur die nächste Runde? Seit Monaten wechseln sich Waffenruhen, Drohungen, Angriffe, Vergeltung und neue Verhandlungen ab. Was im März noch zwei Tage lang die Schlagzeilen bestimmte, wird heute zur Fußnote.

Auch der russische Krieg gegen die Ukraine ist nach mehr als vier Jahren Teil dieser neuen Normalität. Großmächte setzen (mehr oder minder erfolgreich) militärische Gewalt ein, um kleinere Staaten zu politischen Zugeständnissen zu zwingen.

Stellt sich also die Frage, ob nuklear bewaffnete Großmächte heute bereitwilliger Risiken eingehen. Und, auf die Spitze getrieben, ob damit auch ein Krieg zwischen ihnen wahrscheinlicher wird.

Diese Frage bejaht Odd Arne Westad in seinem Buch The Coming Storm – Power, Conflict, and Warnings from History, und spricht eine korrespondierende Warnung aus: Ein Weltkrieg („Great Power War“) scheint uns vielleicht undenkbar – aber es gibt strukturelle Faktoren, die ihn begünstigen.

Westad, Historiker des Kalten Krieges, der an der Yale University lehrt, hat ein kompaktes und kohärentes Buch vorgelegt. Auf weniger als 300 Seiten macht er im Grunde nur ein Argument: Es gibt nachweislich Faktoren, die einen Weltkrieg auch heute wieder möglich, gar wahrscheinlich machen. Diese Faktoren sollten wir kennen und mit diesem Wissen einen Weltkrieg wiederum so unwahrscheinlich wie möglich machen.

Wilhelm II. im Südchinesischen Meer

Im Kern von Westads Argument steht eine Analogie. Aus 2026 wird 1914. Die imperiale Macht mit Abstiegsängsten sind heute die Vereinigten Staaten und war damals das Vereinigte Königreich. Die imperiale Macht sieht sich mit einem aufstrebenden Reich konfrontiert, heute die Volksrepublik China unter Xi Jinping, damals das Deutsche Reich unter Wilhelm II. Die Analogie lässt sich weiterspinnen; Russland 2026 wird Österreich-Ungarn 1914, Indien 2026 wird Russland 1914, KI und Drohnen 2026 sind analog zu Telegrafentechnologie und ersten Flugzeugen 1914.

Man muss Westad zugutehalten: Er muss seine Analogien nur kurz ausführen und dann Auslöser und Eskalation der Julikrise nachzeichnen, und dem geneigten Leser ist bereits klar, wo die Reise hingeht. Damals wie heute befinden wir uns in einer multipolaren Welt mit unklaren Allianzen (Sind die USA noch ein verlässlicher NATO-Partner? Wird England Frankreich gegen das Deutsche Reich unterstützen?), innenpolitischen Abstiegsnarrativen (China ist für die amerikanische Deindustrialisierung verantwortlich und das Wilhelminische Reich bedroht als zukünftige Seemacht das britische Empire) und latenter Präventionslogik (Die Vorstellung, China könne wegen seiner Demographie ein enger werdendes Zeitfenster für eine Invasion von Taiwan sehen. Die deutsche Angst von 1914, ein stärker modernisiertes Russland werde in wenigen Jahren militärisch kaum noch zu schlagen sein.).

Illustration des Attentats von Sarajevo, bei dem der Thronfolger Österreich-Ungarns, Franz Ferdinand ermordet und damit der erste Weltkrieg ausgelöst wurde.
Das einzige, was fehlt? (Achille Beltrame, Public domain, via Wikimedia Commons).

Eine direkte Analogie zur Konfrontation Serbiens mit Österreich-Ungarn gibt es nicht. Für die Anhänger der strukturellen Schule des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges nicht weiter schlimm – was zählt sind die strukturellen Faktoren. Darüber hinaus braucht es nur einen Auslöser, von denen die Ermordung von Franz Ferdinand durch den Serben Gavrilo Princip nur einer war. Und so zählt Westad für heute einige mögliche Konfliktherde auf: Taiwan, den Nahen Osten (!), eine Eskalation zwischen Russland und der NATO im Osten Europas, die koreanische Halbinsel, ein Grenzkonflikt zwischen Indien und China oder Indien und Pakistan.

Alles bekannt – aber Westad schafft es, Bekanntes so zusammenzusetzen, dass man es neu wahrnimmt. Das Zeichen eines guten Arguments.

This could have been a blog post

Im Grunde liest man hier ein Blogpost in Länge eines Buches. Das ist nicht despektierlich gemeint. Mehr Sachbücher könnten kürzer sein. Ja, Wested generalisiert die Situation um 1914 und die Eskalation der Juli Krise, die zum Ausbruch des ersten Weltkrieges führen – aber er weiß auch, wo er die Analogie nicht überstrapazieren darf, zeigt klar, welche Disanalogien es gibt. Einzig die Wirkung nuklearer Abschreckung bekommt eine allzu kurze Abhandlung – sie macht den vielleicht größten Unterschied zu 1914 aus. Nuklearwaffen sind nicht nur neu und besonders tödlich, wie es 1914 neuartige Chemiewaffen wie Chlor- und später Senfgas waren, sondern in ihren strategischen Implikationen fundamental einzigartig. Sie garantieren die gegenseitige Vernichtung von Nuklearmächten (und mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit, unser aller Vernichtung), sollte es zum nuklearen Austausch kommen.

Und jetzt?

Was folgt aus Westads Analogie? Als Erstes hält er es bezeichnenderweise für notwendig die Prämisse des Friedens zu begründen. Das Abschlusskapitel „The case of peace“ liest sich anfangs aus der Zeit gefallen – ist es heute wirklich noch notwendig, die Vorteile eines Weltfriedens herauszuarbeiten? Vielleicht doch. Und vielleicht ist genau dies eine überraschende Konklusion. Ja, es gibt und es wird politische und intellektuelle Debatten um Außenpolitik und deren Ultima Ratio, den Krieg, geben. Und dies muss es – zumal in liberalen Demokratien – auch geben.

Ein Plädoyer für „Grand Strategy“

Nicht zuletzt zeigt Westad, wie man in solchen Debatten strategisch denken kann und sollte. Sein Argumentationsmodus und seine angenehm nüchterne Analyse der Anreize, denen sich verschiedene Akteure, ob 1914 oder 2026, ausgesetzt sind, stehen sinnbildlich für einen Modus des ,Grand-Strategy‘-Denkens (auf Deutsch in etwa zu übersetzen mit Geostrategie), wie er heute dringend notwendig ist.

An einem Beispiel lässt sich dies illustrieren. Indonesien, mit seinen knapp 300 Millionen Einwohnern und seiner Lage an strategisch wichtigen Meerengen im Indo-Pazifik, ist ein nicht zu unterschätzender Akteur. Die deutsche Außenpolitik sollte den Austausch und eine engere Partnerschaft mit diesem Land aus realpolitischen Gründen suchen. Der Besuch des deutschen Außenministers im August 2025 war ein Anfang. Gemessen an Indonesiens strategischem Gewicht war er wenig.

Die deutsche Politik muss sich zwei Fragen stellen: 1. Was können wir Indonesien noch bieten? 2. Was können wir realistisch von Indonesien verlangen? Diese Art der Denkweise, abgeleitet aus einer geostrategischen Analyse des Indo-Pazifiks, kann deutsche Außenpolitik wieder zu Ergebnissen bringen. Denn nur mit einem Bewusstsein für Interessen und Machtverhältnisse lässt sich effektive Außenpolitik betreiben – und im Zweifel befriedend wirken.

Tags
Meinung
Geopolitics

Contact

Contact us:

For more information how to publish with FMP, see here.