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Europas konzentrische Kreise: Die EPG und die Zukunft der erweiterten Regionalordnung

Die Europäische Politische Gemeinschaft (EPG) ist Ausdruck eines neuen, flexiblen Ordnungsmodells, das Europa als System konzentrischer Kreise politischer Kooperation versteht. Sicherheit entsteht heute weniger durch institutionelle Tiefe als durch politische Dichte, analysieren Jens-Uwe Wunderlich, Tobias Hofelich und Stefan Gänzle.

Vom „Talking Shop“ zum strategischen Ordnungsanker?

Als ein gesamteuropäisches Forum mit 47 Staaten, Belarus und Russland ausgenommen, hat die Europäische Politische Gemeinschaft (EPG) Anfang Mai 2026 in Jerewan ihren achten Gipfel abgehalten. Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein weiteres multilaterales Treffen im dicht besetzten europäischen Diplomatiekalender. Doch dieser Eindruck täuscht. In einer Phase geopolitischer Turbulenz, wachsender Fragmentierung und zunehmender Unsicherheit entsteht hier ein Format, das politische Koordination jenseits der engen Grenzen formaler EU‑Mitgliedschaft ermöglicht und damit eine strukturelle Lücke im europäischen Ordnungsgefüge schließt. Die EPG schafft einen Raum, in dem Staaten mit unterschiedlichen institutionellen Bindungen, sicherheitspolitischen Kulturen und geopolitischen Interessen dennoch gemeinsame Problemlagen adressieren können. Sie bringt EU‑Mitglieder, Beitrittskandidaten, Nachbarschaftsstaaten und geopolitische Partner an einen Tisch, ein Spektrum, das in dieser Breite weder die EU noch die NATO abdecken. Ihr strategischer Wert wird häufig unterschätzt, weil er sich nicht in klassischen Integrationskategorien messen lässt. Doch gerade in einer Zeit, in der formale Erweiterung stockt und geopolitische Risiken steigen, gewinnt ein solches Format eigenständige Bedeutung.

Die EPG ist ein Produkt tiefgreifender Veränderungen im europäischen Sicherheitsumfeld. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die traditionellen Grenzziehungen zwischen EU-Mitgliedern, Kandidatenstaaten und Nachbarn sicherheitspolitisch relativiert.  Verwundbarkeit verläuft heute weniger entlang institutioneller Zugehörigkeit als entlang geopolitischer Exponiertheit. Gleichzeitig erhöhen Unsicherheiten über das langfristige Engagement der USA in Europa den Druck auf europäische Staaten, neue Formen politischer Koordination zu entwickeln. Energie- und Technologieabhängigkeiten, kritische Infrastruktur und hybride Bedrohungen überschreiten bestehende institutionelle Grenzen und erfordern Abstimmung jenseits von EU und NATO. Genau hier setzt die EPG an: Sie schafft einen Raum, in dem Bedrohungswahrnehmungen angeglichen, Prioritäten abgestimmt und gemeinsame Reaktionsmuster entwickelt werden können, ohne neue rechtliche Verpflichtungen zu schaffen.

Die EPG ist daher weniger eine klassische institutionelle Innovation, als eine funktionale Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen. In der Regionalismusforschung ließe sich dies als „funktionaler Differenzierung“ beschreiben: Wenn bestehende Institutionen bestimmte Aufgaben nicht mehr erfüllen können, entstehen neue Formate, die diese Lücke schließen. Die EPG ist Ausdruck genau dieser Logik. Sie reagiert auf die Erosion traditioneller Sicherheitsgarantien, die Blockaden formaler Erweiterung bestehender Regionalorganisationen und die wachsende Bedeutung informeller, vertrauensbasierter Koordination. Ihre institutionelle Leichtigkeit ist kein Defizit. Sie ist eine Antwort auf die Bedingungen eines Europas, das politisch dichter, aber institutionell heterogener geworden ist.

Historische Resonanzen – aber ein anderes Vorhaben

Die EPG erinnert auf den ersten Blick an französische Traditionen, insbesondere an Mitterrands Konföderationsidee von 1989. Diese historische Resonanz ist nicht zufällig: Auch damals suchte Europa nach einem Format, das die geopolitische Neuordnung des Kontinents begleiten konnte, ohne sofort in die Logik formaler Erweiterung einzutreten. Doch die Parallele trägt nur begrenzt. Mitterrands Projekt war ein Übergangskonstrukt, ein politischer Wartesaal für Staaten, die perspektivisch EU‑Mitglieder werden sollten. Die EPG hingegen ist ein eigenständiges Koordinationsformat, das aus den strukturellen Bedingungen der Gegenwart heraus entstanden ist. Diese Abgrenzung wird noch deutlicher, wenn man die EPG nicht nur von Mitterrands Konföderationsidee, sondern auch von Konzepten wie dem „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ oder dem „Multi‑Speed Europe“ unterscheidet. Während diese Ansätze von einer abgestuften Integration innerhalb der EU ausgingen, operiert die EPG jenseits dieser Logik. Sie schafft keinen inneren und äußeren Kreis innerhalb der Union, sondern einen zusätzlichen politischen Raum neben ihr. Die EPG ist damit kein Instrument differenzierter Integration, sondern ein Format differenzierter Kooperation: Sie erweitert den politischen Handlungsspielraum Europas, ohne die Integrationsarchitektur der EU selbst zu verändern. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass sich Europa heute nicht mehr entlang einer einzigen Integrationslinie organisieren lässt. Das klassische Modell eines linearen Weges von der Nachbarschaft zur EU-Mitgliedschaft stößt zunehmend an seine Grenzen. Einige Staaten wollen der EU nicht beitreten, andere können es derzeit nicht, während Kandidatenländer mit langwierigen und unsicheren Beitrittsprozessen konfrontiert sind.

Hier setzt das Modell der konzentrischen Kreise an: Die EU bildet den innersten Kreis tiefer Integration, während die EPG einen äußeren Kreis schafft, in dem politische Nähe, sicherheitspolitische Abstimmung möglich sind, ohne einen unmittelbaren Anspruch auf EU Mitgliedschaft zu erzeugen. Die EPG ist damit weder Alternative noch Vorstufe zur EU Erweiterung. Sie ist eine Ergänzung und macht Zwischenräume politischer Zugehörigkeit sichtbar, die ausserhalb Binarität von Mitgliedschaft und Nicht-Mitgliedschaft bestehen. Dies kann auch die Erweiterungsdebatte entlasten. Für Erweiterungsbefürworter bietet die EPG die Möglichkeit, Kandidatenstaaten bereits vor einem Beitritt enger einzubinden und so geopolitische Stabilität zu fördern. Für Erweiterungsskeptiker eröffnet sie eine Form enger Kooperation, ohne dass jede Annäherung zwangsläufig in Vollmitgliedschaft münden muss. Die EPG erweitert das Instrumentarium europäischer Ordnungspolitik, ohne dabei die Erweiterungspolitik zu ersetzen. Sie ermöglicht differenzierte Zugehörigkeit in einem Europa, dessen politische und sicherheitspolitische Herausforderungen längst nicht mehr deckungsgleich mit den Grenzen der Europäischen Union sind. Die EPG ist zudem nicht zwingend auf Europa beschränkt. Die Teilnahme des kanadischen Premierministers Mark Carney am Jerewan‑Gipfel unterstreicht, dass der äußere Kreis politisch und nicht ausschließlich geografisch definiert werden kann. nicht nur die europäische Nachbarschaft umfasst.  In dieser Perspektive wird die EPG zu einem Baustein eines mehrschichtigen Ordnungsmodells, das Europa in breitere Netzwerke demokratischer Partnerschaften einbettet.

Institutionelle Minimalität als geopolitische Stärke

Anders als die EU ist die EPG bewusst informell organisiert. Sie verfügt weder über supranationale Organe noch über verbindliche Rechtssetzung. Doch gerade darin liegt ihre Stärke. Als äußerer Kreis ermöglicht sie politische Nähe und sicherheitspolitische Abstimmung zwischen Staaten mit sehr unterschiedlichen Interessen und Voraussetzungen. Informelle Formate schaffen Konsultationsroutinen, reduzieren Unsicherheit und ermöglichen Koordination ohne Integrationsdruck. Genau deshalb braucht Europa einen politischen Raum jenseits der EU-Mitgliedschaft. Die Herausforderung besteht darin, die EPG weiterzuentwickeln, ohne ihre größte Stärke zu verlieren: institutionelle Offenheit. Ein Drängen auf Formalisierung würde jene Beschränkungen reproduzieren, die das Format eigentlich überwinden soll. Gleichzeitig muss die EPG politische Sichtbarkeit erzeugen, etwa durch Initiativen in den Bereichen Energie‑ und Cybersicherheit, Schutz kritischer Infrastruktur, Migrationsmanagement, demokratische Resilienz oder Unterstützung der Ukraine. Der äußere Kreis muss politisch relevant bleiben, ohne sich in institutionelle Pfadabhängigkeiten zu verstricken. Doch die EPG ist kein Selbstläufer. Ihre Offenheit macht sie anfällig für politische Blockaden, symbolische Politik und geopolitische Instrumentalisierung. Ihr Erfolg hängt davon ab, ob es gelingt, informelle Flexibilität mit realen Ergebnissen zu verbinden, und ob zentrale Akteure bereit sind, das Format nicht nur rhetorisch, sondern operativ ernst zu nehmen.

Die EPG demonstriert, dass Europa nicht weniger, sondern mehr institutionelle Verflechtung benötigt, allerdings in unterschiedlichen Formen und Intensitäten. Auch wenn die EPG noch jung ist und ihre institutionelle Minimalität bedeutet, dass sie keine formalen Beschlüsse produziert, lassen sich bereits konkrete politische Ergebnisse erkennen, die auf eine wachsende politische Dichte hindeuten. Dazu zählen koordinierte Sanktions‑ und Unterstützungspositionen gegenüber Russland (unter Einbindung von Nicht‑EU‑Staaten wie dem Vereinigten Königreich, Norwegen oder der Schweiz), gemeinsame Energie‑ und Infrastrukturinitiativen etwa im Bereich der Netzsynchronisierung und des Schutzes kritischer Infrastruktur, sowie abgestimmte sicherheitspolitische Lagebilder im Cyberbereich. Hinzu kommt die engere politische Einbindung der Ukraine, Moldaus und Armeniens in sicherheitspolitische Konsultationen, die häufig vor oder parallel zu EU‑ und NATO‑Formaten stattfinden. Durch die regelmäßigen Gipfel im halbjährlichen Rhythmus entstehen zudem Erwartungsstrukturen, die bilaterale Formate allein nicht erzeugen könnten. Die EPG ist damit noch kein voll ausgebauter Sicherheitsraum, produziert aber bereits politische Effekte, die über reine Symbolik hinausgehen.

Die Zukunft der europäischen Ordnung wird weniger durch große Verfassungsentwürfe geprägt sein als durch die Verdichtung eines institutionellen Ökosystems, das Staaten unter Bedingungen geopolitischer Fragmentierung miteinander verbindet. In diesem Sinne lässt sich die EPG als Keimzelle einer erweiterten „Sicherheitsgemeinschaft“ im Sinne Karl W. Deutschs verstehen: Stabilität entsteht dort, wo regelmäßige Konsultation, gemeinsame Problembeschreibungen und wachsende Erwartungssicherheit das Risiko gewaltsamer Konfliktaustragung minimieren. Die EPG schafft genau diese Erwartungsstrukturen: regelmäßige Gipfel, informelle Konsultationen, gemeinsame Bedrohungsdiagnosen und wachsende Konvergenz sicherheitspolitischer Wahrnehmungen. Sie ist damit weniger ein Forum und mehr ein wachsender Sicherheitsraum, ein äußerer Kreis politischer Gemeinschaft, der den inneren Kreis der EU ergänzt, ohne ihn zu ersetzen. Die EPG ist kein Ersatz für die EU, aber sie könnte das entscheidende Bindeglied einer neuen europäischen Ordnung werden. Die EPG zwingt Europa, sich als vielschichtige politische Gemeinschaft zu begreifen, nicht als geschlossene Union, sondern als Netzwerk konzentrischer Kreise, das Stabilität durch politische Dichte erzeugt.

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Geopolitics
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