Wie viel Macht verträgt ein Land?
Auf rund 200 Seiten verknüpft der Politikwissenschaftler Josef Braml in seinem 2026 erschienenen Buch „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“ psychologische Muster mit geopolitischen und -ökonomischen Entwicklungen. Er deutet den vollumfänglichen Machtanspruch der USA als Ausdruck eines kollektiven Narzissmus, der das Streben nach Größe und Überlegenheit über die Anerkennung eigener Grenzen geografischer, politischer und wirtschaftlicher Natur stellt.
Die Krankheit
Die Grundzüge einer narzisstischen Person – oder in diesem Falle einer narzisstischen Nation – sind neben dem egozentrischen Denken das Erhöhen des eigenen Ichs und zugleich das Abwerten Anderer. Hinzu kommen das Streben nach Dominanz, Aufmerksamkeit und Anerkennung, das Verfolgen einer gnadenlosen Nullsummenlogik sowie die Gier nach materiellen Gütern, Konsum und Wohlstand. All dies soll dazu dienen, den sogenannten narzisstischen Schmerz zu verbergen.
Braml betrachtet für seine Analyse die USA aus unterschiedlichen Perspektiven und deutet verschiedene Phänomene als Ausdruck eines besonders ausgeprägten amerikanischen Narzissmus.
Das dabei entstehende Krankheitsbild umfasst eine Vielzahl von Leiden:
Essstörungen – denn Narzissmus soll sowohl mit Fettleibigkeit als auch mit einem ausgeprägten Fitnesskult einhergehen können.
Drogensucht und Suizidalität – doch worin besteht bei der Schwierigkeit, sich psychische Erkrankungen einzugestehen und der Belastung durch Depression das spezifisch Narzisstische?
Die amerikanische Waffenkultur – denn es scheint das narzisstische Streben nach Aufmerksamkeit zu sein, das die Amerikaner zur Waffe greifen lässt.
Und schließlich soziale Ungleichheit, Rassismus und Migration – denn die narzisstische Neigung zur Abwertung Anderer und Überhöhung des eigenen Selbst soll Grund rassistischer Ausgrenzung, restriktiver Einwanderungspolitik und der Schwächen des amerikanischen Sozialstaats sein.
Es entsteht der zugespitzte Eindruck: Alle sind Narzissten – Amerikaner ganz besonders. Und die gesellschaftlichen Probleme des Landes scheinen sich allesamt damit erklären zu lassen. Auch wenn die angeführten Phänomene durchaus relevant sein mögen, erscheint diese Darstellung stellenweise pauschal. Wenn Narzissmus für jedes Verhalten als Schablone passt, erklärt er am Ende gar nichts mehr. Denn es ist durchaus eine Betrachtung aus anderen Perspektiven möglich: Essstörungen etwa im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Schönheitsidealen und psychischen Belastungen, Drogensucht im Kontext sozialer Ungleichheit und mangelnder Gesundheitsversorgung, Waffengewalt vor dem Hintergrund der amerikanischen Waffengesetzgebung und ihrer historischen Entwicklung. Auch Rassismus und die Schwächen des Sozialstaats sind durch historische, politische und strukturelle Faktoren geprägt. Es bleibt daher unklar, inwiefern der Narzissmusbegriff tatsächlich zur Erklärung dieser unterschiedlichen Probleme beiträgt oder ihnen lediglich als übergreifende Deutung übergestreift wird.

Die Symptome
Überzeugender erscheint Bramls Analyse dort, wo er seine psychologische Diagnose mit konkreten geopolitischen und geoökonomischen Entwicklungen verbindet. Anders als in vorherigen Kapiteln wird der Narzissmus hier nicht als alleinige Ursache überstrapaziert. Vielmehr begründet Braml nachvollziehbar, wie narzisstische Grundmuster als Impulsgeber für vergangene Entscheidungen gewirkt haben und die geopolitische Lage bis heute weiter anheizen. Der narzisstische Anspruch, amerikanische Macht und Wohlstand zu sichern und auszubauen, stößt auf politische und wirtschaftliche Grenzen, die sich langfristig nicht ignorieren lassen.
Das Streben nach Dominanz lässt sich nach Bramls Lesart beispielsweise in Amerikas besonders stark ausgeprägten geopolitischen Machtstreben wiederfinden. Die strategischen Bemühungen der USA um Taiwan in Form von Waffenlieferungen und verstärkter diplomatischer Aktivität, stehen dem Anspruch Pekings gegenüber, die Insel als Teil des eigenen Einflussgebiets zu betrachten. Der amerikanische Versuch, die eigene Vormachtstellung in der Region zu sichern, birgt damit das Risiko einer (militärischen) Eskalation. Auch Trumps Bestreben, Grönland unter US-amerikanische Kontrolle zu bringen, lässt sich als Ausdruck eines narzisstischen Überlegenheitsanspruchs verstehen, der eigene Interessen über die Souveränität anderer Staaten stellt. Die europäische Zurückweisung dieser Ansprüche zeigt jedoch, dass sich amerikanische Macht nicht uneingeschränkt durchsetzen lässt.
Auch die zunehmende Konzentration von Vermögen und politischem Einfluss lässt sich in Bramls narzisstischen Deutungsrahmen einordnen. Der Anspruch, eigene Interessen über die anderer zu stellen, steht dabei im Widerspruch zu demokratischer Gleichheit und gesellschaftlichem Ausgleich. Langfristig droht eine wachsende Ungleichheit den sozialen Zusammenhalt und das Vertrauen in demokratische Institutionen weiter zu schwächen.
Auch die narzisstische Gier nach materiellen Gütern, Konsum und Wohlstand spiegelt sich nach Bramls Deutung beispielsweise in der hohen Verschuldung der USA wider. Materieller Wohlstand dient nicht allein der Bedürfnisbefriedigung, sondern auch der gesellschaftlichen Anerkennung. Wo der eigene Lebensstandard um jeden Preis aufrechterhalten werden soll, kann die Verschuldung jedoch die finanziellen Möglichkeiten übersteigen und neue Abhängigkeiten schaffen. Auf staatlicher Ebene zeigt sich ein ähnlicher Widerspruch: Hohe Militärausgaben, Steuerentlastungen und eine konfrontative Handelspolitik sollen nationale Stärke demonstrieren, während die Finanzierung über Schulden, die sich derzeit auf einem Rekordniveau befinden, Handlungsspielräume langfristig einschränkt.
Dieses Muster setzt sich auch auf finanzwirtschaftlicher Ebene fort: Die internationale Stellung des Dollars beruht auf dem Vertrauen in die amerikanische Finanzpolitik. Wachsende Schulden und Zinslasten können dieses Vertrauen belasten und damit auch die Finanzierungsmöglichkeiten der USA beeinträchtigen. Es reicht ein unerfülltes Versprechen – das Ausbleiben erwarteter Produktivitätsgewinne durch künstliche Intelligenz beispielsweise – und überhöhte Bewertungen und umfangreiche Investitionen bringen die KI-Blase zum Platzen.
Die Chance
Aus Amerikas Schwächen können sich künftig neue Handlungsspielräume für Europa ergeben, so Braml. Losgelöst von seiner vorangegangenen Diagnose der USA arbeitet er ein paar jener Perspektiven heraus.
Sinkendes Vertrauen in die USA soll Europa die Chance bieten, zum Beispiel die internationale Rolle des Euros durch eigene Finanzinfrastrukturen zu stärken und neue geopolitische Partnerschaften auszubauen – etwa durch das Freihandelsabkommen mit Indien (Januar 2026), das eine größere Unabhängigkeit von Washington ermöglichen könnte.
Vor allem aber plädiert Braml dafür, europäische Interessen geschlossener zu vertreten und sich nicht durch gezielte Maßnahmen zur Unterstützung europafeindlicher Kräfte auseinanderdividieren zu lassen. Bedauerlich ist, dass diese europäische Perspektive erst relativ spät in den Vordergrund rückt. Für ein Buch, das Europa bereits im Titel trägt und dessen Cover die Europaflagge ziert, hätte man sich gewünscht, dass Braml diesen Fragen und seinen durchaus überzeugenden Überlegungen dazu mehr Raum gibt.
„Europa hat sich zu lange darauf verlassen, dass andere Ordnung garantieren – und dabei verlernt, Macht selbst zu denken.“
Entgegen dieser scharfen, wenn auch nicht unberechtigten Diagnose konnte Josef Braml mit seinem Buch am Ende ein Gefühl der Zuversicht hinterlassen. Trotz aller Unsicherheiten zeigt er, dass Europa die Möglichkeit hat, seine Abhängigkeiten zu minimieren, eigene Stärken zu entwickeln und seine Zukunft selbstbewusster zu gestalten. Dabei ist genau das streng genommen gar nicht Sinn und Zweck des Buches: Während die These des US-amerikanischen Narzissmus als universelle Ursache stellenweise zu gewollt wirkt, entfaltet das Werk genau dort seine Stärke, wo es die tatsächlichen geopolitischen und -ökonomischen Folgen der Verhaltensweisen einer narzisstischen Nation nüchtern analysiert und daraus neu entstehende europäische Perspektiven erschließt.