Amerika verstehen
Gary Geipel skizziert drei Stärken, drei Probleme, drei Gründe zur Hoffnung für die Zukunft der Demokratie in Amerika.
Europa hört ständig von Amerikas liberal-progressiver Öffentlichkeit, dass die Demokratie in den Vereinigten Staaten im Niedergang begriffen sei. Paradoxerweise beschreiben dieselben Stimmen ihr Land oft als so durchgehend verkommen, dass es kaum noch der Rettung wert erscheine. Gelegentlich hört Europa vom derzeitigen US-Präsidenten und seinem konservativ-reaktionären Umfeld, dass in den Vereinigten Staaten ein neues Goldenes Zeitalter anbreche. Paradoxerweise behaupten dieselben Akteure zugleich, dass den USA plötzlich das Interesse oder die Ressourcen fehlten, um noch ein Partner für andere Nationen zu sein. Wenn Sie mit einer dieser vorherrschenden Erzählungen zufrieden sind, hören Sie bitte an dieser Stelle auf zu lesen, denn die vorliegende Analyse weist beide Deutungen zurück.
Amerikas Stärken sind derzeit überschattet, wir sind von Zwietracht geplagt, und unsere inneren Widersprüche erscheinen unvereinbar. Dennoch bin ich überzeugt, dass Amerika wieder zu sich selbst finden wird – so wie es das stets getan hat. Die USA verfügen über mindestens drei große Stärken. Diese werden derzeit durch drei eng miteinander verbundene Herausforderungen auf die Probe gestellt.
Jenseits der Untergangserzählungen
Amerikas größte Stärke ist seine Gründungsordnung – von der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung bis hin zu den selbstbestimmten Bundestaaten, die sie auf allen Ebenen der Gesellschaft inspiriert haben. Einzigartig in der Menschheitsgeschichte entstand die USA aus einer Revolution, die sich auf universelle Ideale gründete, nicht auf Klassenkampf oder bloßem Machtstreben. Trotz zahlreicher und anhaltender Versäumnisse, die Gründungsziele von „Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück“ für jeden Einzelnen einzulösen, hat Amerika diese nie aufgegeben.
Um diese Ideale zu bewahren, richte Amerika eine der ältesten Verfassungsordnungen der Welt ein, fein austariert zwischen Exekutive, Judikative und vor allem Legislative. Bevor man Bewunderung für diese Ordnung als naive Nostalgie abtut, sollte man bedenken, wie populistische Eiferer, die in jüngerer Zeit die Kontrolle über beide großen Parteien übernommen haben, den Charakter der Nation bis zur Unkenntlichkeit verändert hätten, wäre da nicht die Gewaltenteilung gewesen. Gesetzgeberische Blockaden, eine übermäßige Abhängigkeit von befristeten exekutiven Maßnahmen und lange vernachlässigte Probleme sind der Preis, den wir für relative persönliche Freiheit zahlen.
Unsere politische Ordnung stellt keinen Amerikaner vollständig zufrieden, doch sie verhindert, dass eine Gruppe in diesem bemerkenswert heterogenen Land dauerhaft die grundlegenden Freiheiten anderer mit Füßen tritt oder falsche Utopien durchsetzt.
Im Verlauf von fast 250 Jahren scheint Amerika seinen Idealen dem Anschein nach nie ganz gerecht geworden zu sein. Über mehr als ein Drittel seiner Geschichte hinweg duldete das Land die offene Versklavung von Millionen von Menschen und verweigerte ihnen über mehr als zwei Drittel seiner Geschichte hinweg volle und gleiche Rechte. Es bedurfte eines vierjährigen Bürgerkriegs, um die Sklaverei zu beenden, und Jahrzehnte des Protests, um zumindest das Versprechen gleicher Rechte zu erreichen. Doch in beiden Fällen bestand eine Mehrheit der Amerikaner darauf, dass die grundlegenden Prinzipien der Ordnung gelten müssen.
Die Verfassung war für diese Fortschritte entscheidend, doch ebenso wichtig waren die Anstrengungen von Menschen, die sich in Nachbarschaften, Berufsgruppen, Religionsgemeinschaften, Einwanderergruppen, Schulen, Vereinen und vielen anderen Formen organisiert hatten. In seinem Werk Über die Demokratie in Amerika (1835) bezeichnete der französische Aristokrat Alexis de Tocqueville dies als unseren „esprit d‘association“ („Gemeinschaftsgeist“). Er existiert bis heute und hat weltweit kein Pendant.
Amerikas zweite große Stärke ist seine Neigung zu unablässigem Experimentieren – weit über die Politik hinaus. Wir sind nie zufrieden mit unserem kulturellen Angebot, unserem sozialen Engagement, unserer wirtschaftlichen Entwicklung, unseren wissenschaftlichen Leistungen oder technologischen Errungenschaften. Stattdessen treiben verschiedene Gruppen ständig Veränderungen voran, die sie als Verbesserungen verstehen. Wir gründen Unternehmen und melden Patente in weltweit unübertroffener Zahl an, während wir zugleich die Grenzen von Geschmack und Konvention in allen Bereichen verschieben. Andere Gruppen widersprechen diesen „Verbesserungen“ und reagieren mit eigenen Innovationen oder Widerstand. So hört der Wettbewerb des Experimentierens niemals auf.
Dieses Experimentieren ist eng mit Amerikas Offenheit gegenüber Einwanderung verbunden. Endlose Wellen von Neuankömmlingen – über drei Jahrhunderte hinweg, selbstselektiert durch ihren Wunsch, hart zu arbeiten und zu erreichen, was ihnen in ihren Herkunftsländern nicht möglich war – halten den Prozess des Experimentierens in Gang. Einwanderer schaffen Arbeitsplätze und Chancen, während sie zugleich bestehende soziale Strukturen verändern. Immigration ist daher fast immer sowohl Quelle von Innovation als auch von inneren Spannungen – und kann, wie derzeit, zu Konflikten führen.
Amerikas dritte große Stärke ist der dauerhafte Optimismus seiner Bürger. Wie die meisten Menschen klagen wir bitter über Probleme und Missstände, geben oft unseren Mitbürgern die Schuld und beklagen den Zustand von Nation und Regierung. Doch unter dieser Oberfläche bleibt ein stiller Optimismus hinsichtlich unserer eigenen Zukunft und der unserer Mitmenschen bestehen.

Diese drei Stärken hängen eng zusammen. Insbesondere Amerikas Optimismus beruht auf Vertrauen in unsere Fähigkeit zur Selbstorganisation und auf dem unerschöpflichen Reservoir an Experimenten. Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, an denen Menschen mangelnde Bildung durch eigene Schulen überwinden, innerhalb weniger Jahre nationale Wirkung durch zivilgesellschaftliche Initiativen erzielen oder große kulturelle Unterschiede in Gemeinschaften relativ konfliktarm integrieren können.
Die digitale Krise
Wem diese Darstellung zu positiv erscheint, dem möchte ich nun die Kehrseite vor Augen führen: die gegenwärtigen Herausforderungen. Drei Probleme stehen im Zentrum, alle eng verbunden mit der nahezu universellen Nutzung digitaler Medien.
Erstens ist ein neuer Tribalismus entstanden, möglicherweise schwerer zu überwinden als traditionelle Bindungen an Herkunft oder Religion. Die einflussreichsten „Stämme“ sind heute zwei populistische politische Lager, die durch intensive Online-Aktivität den Eindruck überwältigender Zustimmung erzeugen. Die „woke“ bzw. radikal-progressive Strömung und die „Make America Great Again“ (MAGA)-Bewegung dominieren seit 2016 die nationale Politik und verdecken die Existenz einer „erschöpften Mehrheit“, die beide Extreme ablehnt.
Diese Dynamik erzwingt Konformität selbst bei politischen Vertretern. Viele Positionen, die vor wenigen Jahren selbstverständlich waren, werden heute kaum noch öffentlich vertreten. Wähler sehen sich gezwungen, zwischen zwei unattraktiven Optionen zu wählen und zugleich sozialen Druck in digitalen Gemeinschaften zu bewältigen.
Zweitens ist eine zunehmende Leichtgläubigkeit zu beobachten. Viele Menschen übernehmen unkritisch Überzeugungen aus digitalen Informationsströmen. Über Bildungs- und Bevölkerungsgruppen hinweg ist die Fähigkeit oder Bereitschaft zum eigenständigen Denken zurückgegangen. Verschwörungstheorien und extreme Positionen haben erheblich an Verbreitung gewonnen. In einer Informationsumgebung, in der Wahrheit beliebig erscheint, geraten gesellschaftliche Grundlagen ins Wanken.
Drittens erleben zentrale Institutionen einen Bedeutungsverlust oder eine Erosion. Bildungseinrichtungen und Medien haben vielfach ihren Anspruch auf Objektivität und Ausgewogenheit aufgegeben. In Teilen der Hochschulen wurden kritisches Denken und intellektuelle Vielfalt durch Aktivismus ersetzt. Auch der Journalismus ist stark politisiert; die Grenze zwischen Berichterstattung und Aktivismus verschwimmt zunehmend.
Alten Stärken als neue Chance
Dennoch gibt es Gründe zur Hoffnung – hervorgehend aus denselben Stärken. Politische und gesellschaftliche Akteure beginnen, neue Räume zu füllen, die durch vernachlässigte Ideen entstanden sind: gesunder Menschenverstand, Gemeinsinn, intellektuelle Offenheit, Dialogfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Erste politische Akteure sprechen wieder breitere Wählerschichten an.
Zugleich erlebt klassische Bildung eine Renaissance, heterodoxe Perspektiven kehren an Universitäten zurück, und kulturelle Errungenschaften stellen simples Denken in „Wir-gegen-die“-Kategorien infrage. Auch im Alltag zeichnen sich Veränderungen ab, etwa im bewussteren Umgang mit digitalen Medien.
Ein vollständiger Rückzug aus der digitalen Welt ist unrealistisch – insbesondere angesichts der Rolle Künstlicher Intelligenz. Doch die nächste Generation könnte besser lernen, diese Technologien zu beherrschen, statt von ihnen beherrscht zu werden.
Man könnte viele Gründe nennen, warum diese Hoffnung naiv ist. Doch ein gewisser Optimismus ist zutiefst amerikanisch – daher überlasse ich den Pessimismus anderen.
Versucht, uns zu verstehen, Europa. Sucht nach differenzierteren Erklärungen. Gebt die Hoffnung nicht auf. Bleibt unsere Freunde. Und vergesst dabei nicht, auch eure eigenen Herausforderungen zu bewältigen.
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