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Anatomie eines „perfekten medialen Sturms“

Veröffentlicht am
Autor
Roland Schatz

Nicht wenigen erscheinen die Resultate der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 wie ein Orkan mit enormer Verwüstung. Reales und Irreales wurde in einer ständig schneller werdenden Schlagzahl verbreitet, bis sich ein Klima bildete, in dem viele Wählerinnen und Wähler im Nachhinein sagen: „Das wollten wir nicht“ oder „Das wussten wir nicht“.

Die Dynamik erinnerte an Ortega y Gassets „Aufstand der Massen“ und Elias Canettis „Masse und Macht“: Situationen, in denen Stimmungen sich gegenseitig hochschaukeln, bis am Ende Entscheidungen getroffen werden, die niemand wirklich beabsichtigt hatte. Anhand von fünf Beobachtungen lässt sich zeigen, wie und warum auch in der Politik-Berichterstattung „gut gemeint“ schnell zum Gegenteil von gut werden kann.

Beobachtung 1

Der Scheinwerfer-Effekt der Leitmedien. Drei Tage vor der Wahl erinnerte der Chefredakteur der Fachzeitschrift „politik & kommunikation“, Konrad Göke, an die Voraussetzungen professioneller, nicht-manipulativer Wahlberichterstattung. Er verwies darauf, dass in Sachsen-Anhalt der „Scheinwerfer der Umfragen“ seit Monaten vor allem auf die AfD gerichtet war. Die neuesten Zahlen sahen sie bei 41 Prozent, die CDU abgeschlagen bei 23 Prozent. In der Ministerpräsidentenfrage lag jedoch der CDU-Mann Sven Schulze deutlich vor dem AfD-Kandidaten Ulrich Siegmund, und eine CDU-geführte Landesregierung wurde von einer Mehrheit bevorzugt. Göke schloss: „Siegmund hilft das Scheinwerferlicht.“

Die Daten der kontinuierlichen Medieninhaltsanalyse bestätigen diese Diagnose. In den entscheidenden letzten zwei Monaten vor dem Urnengang haben deutsche Leitmedien 45 Prozent ihres Scheinwerferlichts einer Partei „geschenkt“, die weder im Bund noch in einem Bundesland Regierungsverantwortung trägt. Andere Parteien, die ebenfalls Alternativen zur erlebten Praxis anbieten – etwa die Freien Wähler mit nachweislicher Regierungs- und Umsetzungserfahrung – erhielten im gleichen Zeitraum weniger als ein Prozent der Aufmerksamkeit.

Man stelle sich vor, eine solche Verteilung hätte es bei den früher üblichen Wahlwerbespots vor den TV-Nachrichten gegeben: Der Aufschrei wäre groß gewesen. Wenn aber Nachrichtenformate im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und im Privatfernsehen diese Bevorzugung vornehmen, bleibt die Debatte erstaunlich leise.

Hinzu kommt: Nicht nur die Grünen wurden in Leitmedien quasi als „für immer“ im Osten unter der Fünf-Prozent-Marke verortet, auch die SPD und ihr beliebter Wissenschaftsminister erhielten wenig Raum für Interviews. Stattdessen wurde beiden ein Kampf mit der Fünf-Prozent-Hürde zugeschrieben – für erfahrene Wahlkämpfer der sprichwörtliche „Kuss des Todes“. Am Ende lagen sowohl Leitmedien als auch Meinungsforscher bei Grünen und SPD fundamental falsch. Die Frage nach Konsequenzen wird jedoch kaum gestellt. Dabei ist das Muster bekannt: Schon 2021 wurde in Sachsen-Anhalt ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und AfD „prognostiziert“, das sich im Ergebnis nicht bestätigte. Ähnlich bei den Berliner Senatswahlen, wo Umfragen ein Gleichstand zwischen CDU und SPD suggerierten, während die Medien-Sentiment-Daten längst auf eine klare Schwäche der SPD hinwiesen.

Beobachtung 2

It’s the economy, stupid. Erfahrene Wahlkampfstrategen wissen: Schwingt die Medienberichterstattung über die Wirtschaft nach oben, profitieren am Wahltag eher die Amtsinhaber; ist das Gegenteil zu beobachten, freuen sich die Oppositionsparteien. Im Fall Sachsen-Anhalt und der Bundespolitik 2026 ist bemerkenswert, dass Fachinstitutionen bereits seit Ende Februar Anzeichen einer Trendwende meldeten. Die von der schwarz-roten Bundesregierung eingeleiteten Maßnahmen sowie andere Ursachen führten dazu, dass die seit fünf Jahren belastende Abwärtsbewegung der deutschen Wirtschaft und der Steuereinnahmen ein Ende finden könnte.

Doch im gesamten zweiten Quartal war diese Entwicklung den deutschen Leitmedien keine Schlagzeile auf Seite 1 wert. Erst als die Steuereinnahmen – ein Spätindikator – Ende August um drei Milliarden Euro zulegten, wurde der Umschwung nicht mehr zu leugnen. BILD berichtete entsprechend spät. Das ist umso bemerkenswerter, als zuvor von einem Gespräch zwischen Springer-Verleger Mathias Döpfner und Kanzler Merz berichtet worden war, in dem der Verleger gedroht haben soll, seine Medien gegen die Union zu stellen, falls diese sich nicht gegenüber der AfD öffne. Die Medieninhaltsanalyse zeigt für BILD in der betreffenden Kalenderwoche einen ungewöhnlichen Einbruch in der Bewertung des CDU-Vorsitzenden – zeitgleich mit dem angeblichen Gespräch. Springer bestätigte später, dass das Gespräch nicht in einem positiven Klima geendet sei.

Parallel dazu blieb Sachsen-Anhalt in der Berichterstattung weiterhin ein Ort von Gewalttaten, Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus. Der langsame, aber stetige Fortschritt in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Bildung wurde kaum zur Kenntnis genommen. Umso grotesker wirkten die Erklärungen der Meinungsforscher bei ARD und ZDF für den Erfolg der AfD: In Grafiken wurde suggeriert, die Partei habe in den Themen Wirtschaft und Bildung die Union überholt. Ein Blick auf die Berichterstattung zeigt jedoch: Über diese Themen wurde im Zusammenhang mit der AfD kaum berichtet, ihre vermeintlichen Experten unbekannt. Und auf Social Media waren die Wirtschafts- oder Bildungsexperten der AfD keine Stars.

Beobachtung 3

Negativismus in Leitmedien beeinflusst die Wahrnehmung vieler. Wer Parteiversammlungen der extremen Parteien besucht, hört einen Tonfall im tiefsten Moll: Die Bundesrepublik gehe seit Jahren „vor die Hunde“, alles sei schlecht, nichts funktioniere. Dem treuen Publikum des ÖRR kommt diese Auswahl an Realitäten bekannt vor. In den Hauptnachrichten von ARD (Tagesschau, Tagesthemen), ZDF (Heute, Heute-Journal) und den Morgennachrichten des Deutschlandfunks liegt der Anteil eindeutig negativer Beiträge seit Jahrzehnten bei rund 40 Prozent.

Wem die wissenschaftlichen Daten der Medieninhaltsanalyse nicht reichen, der kann auf die Befragungen des Nielsen-Instituts verweisen: 45 Prozent der Deutschen, die dem ÖRR den Rücken kehren, geben an, ihnen sei das Angebot „zu negativ“. Hinzu kommt, dass über Repräsentanten aller Parteien – egal welcher Couleur – mit einem Anteil von etwa 50 Prozent in einer Weise berichtet wird, die den Eindruck erweckt: alle seien korrupt, inkompetent oder desinteressiert an den Bedürfnissen des Souveräns. In einem solchen Klima erscheint die AfD vielen als einzige verbliebene „Alternative“.

Beobachtung 4

Geschlossenheit als unterschätzter Wahlfaktor. Eine der ältesten Regeln der Wahlkampfberaterin Elisabeth Noelle-Neumann lautet: Wähler wenden sich von Parteien ab, die den Eindruck mangelnder Geschlossenheit vermitteln. Die Lebenswirklichkeit zeigt zwar, dass Einigkeit kein Wert an sich ist und Diskurs zur Demokratie gehört. Doch die mediale Übersetzung von Diskurs in „Streit“ ist folgenreich. Die Grünen blieben über Jahrzehnte unterhalb der Zehn-Prozent-Marke, weil sie Konflikte offen austrugen und damit ein realistisches Bild demokratischer Auseinandersetzung boten – das jedoch nicht zum Politikbild der Leitmedien passte. Das Bild, dass die Leitmedien insbesondere über Kanzler Merz verbreiteten, speiste sich nicht selten aus offenen oder verdeckten Zitaten seiner Parteifreunde.

Im Bundestagswahlkampf 1998 stellte der SPD-Bundesgeschäftsführer Franz Müntefering das Image der Geschlossenheit seiner Partei her, indem er sich wöchentlich aus der Medieninhaltsanalyse berichten ließ, welcher Genosse sich kritisch über den Kandidaten Schröder geäußert hatte. Diese Liste telefonierte er am Wochenende ab – mit entsprechenden „Empfehlungen“. Zwei Monate später war das Bild der Geschlossenheit für die Medien hergestellt. Die Union der Jahre 2025 und 2026 hatte keinen Müntefering.

Beobachtung 5

Amtsbonus scheint nicht immer zu gelten. Erfahrene Wahlkämpfer, deren Kandidat im Amt ist, vertrauen darauf, dass gegen Ende des Wahlkampfs die Umfragewerte für Amtsinhaber steigen. Die Logik: Unsicherheit wird vermieden, „die Person im Amt kenne ich“. Für Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern funktionierte dieser Mechanismus, sie konnte kurz vor dem Wahltag wieder an die AfD heranrücken. Für Sven Schulze in Sachsen-Anhalt trat dieser Effekt nicht ein.

Der Grund für den Orkan im Vorfeld der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 2026 könnte im Zusammenspiel der fünf Beobachtungen liegen. Jede für sich ist bekannt, doch ihr Wechselspiel ist kaum erforscht. Hinzu kommt, dass die Covid-Jahre viele alte Gewissheiten zerstört haben. Seit 2023 traut der Souverän seiner Bundesregierung nur noch zu einem Drittel; vor Covid lag der Wert bei zwei Dritteln.

Was folgt daraus? Meinungsforschungsinstitute sollten nicht einfach weitermachen, als reiche es, wenn sie für eine oder zwei Parteien halbwegs richtig liegen. Demokratie ist ein Gesamtkunstwerk, in dem sich möglichst viele Parteien wahrgenommen fühlen müssen. Eine erste Überlegung könnte sein, die wöchentliche Sonntagsfrage außerhalb von Wahlkämpfen zu überdenken und zu diskutieren, ob vier Wochen vor der Wahl keine neuen Umfrageresultate mehr publiziert werden.

Leitmedien wehren sich gegen den Vorwurf, sie würden sich mit einzelnen Parteien „gemein“ machen. Vermutungen lassen sich am besten entkräften, indem die Scheinwerfer ausgewogener eingesetzt werden. Nicht-Berichterstattung ist genauso Berichterstattung wie Portraits, die – wie im Fall der BamS – drei Wochen vor der Wahl zum AfD-Spitzenkandidaten erschienen und wirkten, als seien sie direkt aus dessen Werbeprospekt übernommen.

Die Richter an Verwaltungsgerichten und am Bundesverwaltungsgericht sowie am Bundesverfassungsgericht könnten § 86 der Verwaltungsgerichtsordnung ernster nehmen, wenn es um die Frage geht, ob ARD, DLR und ZDF ihre Funktionsaufträge Vielfalt, Integration, Konvergenz und Vorbild erfüllen. Die mit der Rechtsaufsicht beauftragte Staatskanzlei Rheinland-Pfalz hat eigene Kenntnisse über Verstöße bereits 2023 schriftlich dokumentiert.

Macher des Wahl-O-mats: Glauben sie wirklich, dass der Souverän seine Wahlentscheidung rein an Sachfragen ausrichtet? Viele Eltern waren irritiert, wie nah die AfD beim Ausfüllen des Wahl-O-mats an die eigentlich präferierten Parteien ihrer Kinder rückte – obwohl diese die AfD aus grundsätzlichen Überlegungen nie wählen würden. Es fehlen fundamentale Fragen nach Herkunft, Zielen und Methoden. Zu oft nehmen Vertreter extremer Parteien Anleihen bei Diktaturen, zu oft arbeiten sie mit Einschüchterung und Drohungen.

Mit der Frage nach Verfahren und Personal sind auch die für den ÖRR verantwortlichen Ministerpräsidenten und Chefs der Staatskanzleien angesprochen: Wer von ihnen hat sich darum gekümmert, dass die Medienstaatsverträge erfüllt werden? Ohne gesicherte und nachgewiesene Informationsqualität ist das verlorene Vertrauen in den politischen und medialen Betrieb kaum zurückzugewinnen.

Das Wahlergebnis von Sachsen-Anhalt zeigt, dass andere Überraschungen beim Gang zur Wahlurne eingetreten sind als erwartet. Es wäre nun eine positive Überraschung, wenn Umfrageinstitute, Medien, Ministerpräsidenten und Richter daraus nun tatsächlich Konsequenzen ziehen würden.

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