Demokratie stärken – die Kraft von Ritualen nutzen
Die bayerische Hymnenpflicht an Schulen soll Identität stiften und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Die Sozial- und Kulturwissenschaftlerin Antje Pfab argumentiert jedoch, dass politische Rituale nur dann integrative Wirkung entfalten, wenn sie als authentisch und sinnstiftend erlebt werden – und nicht staatlich verordnet werden.
Ab dem nächsten Schuljahr müssen in Bayern bei festlichen Schul-Abschlussfeiern mindestens zwei Hymnen gespielt werden: neben der verpflichtenden Bayernhymne kann zwischen der Deutschland- oder Europahymne gewählt werden. Das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus will damit „die Identität und den Zusammenhalt in unserem Land“ fördern. Sowohl Festakte als auch der durch die Anwesenden gegebene vor Zeugenschaft erfolgende Verweis auf Traditionen sind wesentliche Bestandteile von Ritualen, die seit jeher – und übrigens überall auf der Welt – herangezogen werden, wenn der Zusammenhalt gefördert werden soll und außerdem bestimmte Werte in der Gesellschaft stärker verankert werden sollen. Wie im aktuellen Beispiel sind Rituale häufig mit einer klaren Absicht, einem festgelegten Ziel verbunden: Explizit soll das Abspielen der Hymnen der gesellschaftlichen Kohäsionsstiftung dienen, implizit sollen bestimmte gesellschaftliche Werte und Ordnungen gesteuert und stabilisiert werden, die durch die Texte der Bayern- und Deutschlandhymne zum Ausdruck gebracht werden. Die damit verknüpften kulturellen Traditionen sollen durch die wiederholte Inszenierung die kulturelle Ordnung stärken. Im Falle der Bayernhymne fällt dabei insbesondere auch die religiöse Verknüpfung auf, wenn jede Strophe mit „Gott mit dir…“ beginnt.
Freilich reichen Texte allein nicht aus, um den Aufbau von geteilten Normen zu unterstützen. Damit dies gelingen kann, gilt es wesentliche Ritualelemente zu berücksichtigen: So sind rituelle Handlungen standardisiert, d. h. sie folgen einem bestimmten, weitgehend festgelegten Ablauf, der sowohl den Ritualteilnehmenden als auch anderen Gesellschaftsmitgliedern bekannt ist. Das Bekannt-sein wiederum wird durch das Ritualelement der Wiederholung gewährleistet. Die festgelegte, spezifische Form und Struktur von Ritualen (Formalisierung) wird in vorgegebenen Handlungsabläufen sowie bestimmten Orten und Zeiten (im konkreten Beispiel: Festakte und Abschlussfeiern) erkennbar. Die Festlegung auf Festakte gewährleistet außerdem ein weiteres wesentliches Ritualelement, das Herausgehoben-Sein aus dem Alltag. Gleichzeitig gehört auch das spielerische oder ludische Element zu den wesentlichen Ritualbestandteilen, die in gewissem Maße eine individuelle Aneignung des Rituals ermöglichen. Im dargestellten Beispiel wäre das die Wahlmöglichkeit zwischen Deutschland- oder Europahymne und der Freistellung, ob die Hymnen digital abgespielt werden oder selbst gesungen bzw. gespielt werden.

Aus ritualtheoretischer Perspektive wurde bei der Hymnenpflicht an bayerischen Schulen also vieles berücksichtigt, was zu einem gelingenden Ritual beiträgt. Und doch bleibt fragwürdig, inwiefern das erklärte Ziel, Identität und Zusammenhalt „in unserem Land“ zu fördern, damit erreicht werden kann. Denn dazu darf die Kluft zwischen der eigenen Identitätswahrnehmung und einem Gefühl der Zugehörigkeit zum eigenen Land zu den im Ritual vermittelten Werten nicht zu groß sein. Wenn sich zur eigenen Weltanschauung und wahrgenommener Zugehörigkeit zu Gesellschaft oder wie vom Bayerischen Ministerium formulierten „Land“ kein sinnhafter Bezug herstellen lässt, läuft ein Ritual Gefahr, zu einem (Sinn-)entleerten Ritual zu werden; und „leere Rituale“ können ihre Wirkkraft nicht mehr entfalten. Und das könnte in der Tat im Falle der Hymnenpflicht schwierig werden: So fragt man sich zum einen, worauf sich „unser“ Land, in dem der Zusammenhalt gestärkt werden soll, eigentlich bezieht: Bayern, wie in der Bayernhymne, Deutschland (Deutschlandhymne) oder Europa (Europahymne), wenn zwei dieser Hymnen gespielt werden müssen.
Ob sich die Weltoffenheit und Sprachtoleranz, die in der Europahymne dadurch zum Ausdruck gebracht wird, dass sie in der offiziellen Version rein musikalisch ohne Worte auskommt, um keine Sprache zu bevorzugen, zudem mit den sich regional ausschließlich auf Bayern beziehenden Werten sowie der festen Verbindung zur Religiosität vereinbaren lässt, ist fraglich und wird durch die in der Bayernhymne gewählten Worte wie „Deutsche Erde Vaterland, Bayernvolke“ sowie den Verweis auf „alten Ruhm“ noch verschärft. Der für ein gelungenes Ritual maßgebliche Bedeutungszuwachs, der durch Symbole vermittelte Verweis auf eine höhere Macht oder gemeinsame Normen oder geteilte Werte erreicht wird, bleibt damit für viele Menschen aus. Bei denjenigen wiederum, die sich mit den in der Bayernhymne mit diesen Worten vermittelten Werten auch heute noch voll und ganz identifizieren können und die infolgedessen tatsächlich einen persönlichen Bedeutungszuwachs erleben, stellt sich zum anderen die Frage, ob die in dieser Form vermittelten Werte in einer globalisierten Gesellschaft zeitgemäß sind und die beschworene „Einigkeit und Freiheit“ angesichts der bestehenden Ungleichheiten, Diskriminierung und Rassismus glaubwürdig sind.
Entsprechend kontrovers wird die Einführung der Hymnenpflicht diskutiert; während die Junge Union Bayern mit ihrer bereits 2024 beschlossenen Positionierung zur Hymnenpflicht als „modernes [!] Bekenntnis zu unseren freiheitlichen, demokratischen Grundwerten“ darin ein verbindendes Symbol zur Integrationsförderung sieht, lehnen Lehrer:innenverbände und viele Schüler:innenvertretungen insbesondere die Verpflichtung zur Hymne als Symbolpolitik ab, die von realen Problemen im Bildungsbereich ablenke.
Rituale politisch einzusetzen und auch zwangszuverordnen ist nichts Neues und wurde insbesondere während der NS-Zeit perfektioniert. Auch dort sollten Rituale Zugehörigkeitsgefühle stärken, das zwangsverordnete schulische Ritual des Flaggenappells Solidarität stiften. Dass die (auch in der Zeit des Nationalsozialismus‘ beliebte) Bayernhymne trotz ihrer nationalistischen Züge bei offiziellen Anlässen nicht eingesetzt wurde, beruht auf ihren föderalistischen Bezügen und der starken religiösen Verbindung. So hat der Verfasser des Bayernliedes, Michael Öchsner, die Hymne als „Gebet“ verstanden (und tatsächlich ist sie in den meisten bayerischen Bistümern als Diözesananhang in den katholischen Gesangbüchern seit 2013 fest verankert). Während der Text nach zwei Weltkriegen zunächst umgedichtet wurde, „um Spuren eines deutschen Nationalismus zu tilgen“, ist seit 1980 der Begriff „Heimaterde“ wieder durch die ursprüngliche „deutsche Erde“ ersetzt worden. Und auch bezogen auf die Nationalhymne stellt die stellvertretende Landesschülersprecherin für die bayerischen Mittelschulen, Paula Hartnig, fest, dass viele Schüler:innen mit Migrationshintergrund „wegen der deutschen Vergangenheit noch immer eine negative Assoziation mit der deutschen Nationalhymne [haben] und [..] sich selbst zu fremd [fühlen], um mitzusingen“.
Rituale besitzen ein Potenzial zur Stärkung sozialen Zusammenhalts – Fußballstadien bieten reiches Anschauungsmaterial. Rituale können auch im Bereich des Politischen jenseits rationaler Debatten einen affektiven Zusammenhalt schaffen, den es im Sinne der Stärkung demokratischen Bewusstseins zu nutzen gilt. Einen Aufbau von geteilten Normen, eine positive Werteidentifikation oder gar ein Verbundenheitsgefühl können Rituale jedoch nur erzeugen, wenn die durch das Ritual vermittelten Werte für einen selbst als stimmig wahrgenommen werden. Wenn Kritiker:innen der Hymnenpflicht also auf eine fehlende Authentizität verweisen, machen sie damit auf einen für das Gelingen eines Rituals wesentlichen Bestandteil aufmerksam. Die eigene innere Haltung, durch die ein Ritual als stimmig erlebt werden kann, hat u. a. der Soziologe Hans Joas erforscht. Er weist mit Bezugnahme auf Emilé Durkheim darauf hin, dass in Erfahrungen der Selbsttranszendenz ein „Zusammenhalt […] über die gemeinsame Bindung an Ideale“ entstehen könne (Joas 2019: 122). Wirksam wird ein Ritual also vor allem dann, wenn es über die Grenzen des einzelnen Selbst hinausgeht, eine Transzendentalisierung im Sinne Joas‘ stattfindet, bei der man sich mit dem „Heiligen“ verbunden fühlt, eins wird mit den rituell vermittelten Werten und Idealen bzw. mit den Menschen, die diese rituelle Erfahrung gemeinsam teilen. Dazu bedarf es des Engagements der Beteiligten, der Berücksichtigung von Individualität, zeitgemäßen Werten sowie Gestaltungsspielräumen, die über die Wahl zwischen zwei Hymnen hinausgehen. Zeitgemäße, gesellschaftsstärkende und Integration fördernde Rituale sollten m. E. in individualistischen Gesellschaften bei ihrer Entwicklung Reflexivität einbeziehen: So könnten Schulen selbst passende Rituale entwickeln und durchführen, bei denen individuelle Schwerpunktsetzungen berücksichtigt werden und Schüler:innen im Vorfeld selbst festlegen, was ihr Gemeinschaftsgefühl ausmacht und eine Verbundenheit zu dem Land, in dem sie leben, befördern könnte. Übersetzt in ein Symbol, das dann in einem feierlichen Abschlussritual einen angemessenen Platz findet, wäre dann eine bewusste Ritualdurchführung mit der dazugehörigen inneren Haltung gegeben, bei der die Teilnehmenden die Ritualwirkung selbst spüren und die gemeinsame, stärkende Erfahrung mit auf ihren weiteren Lebensweg nehmen können.
Selbst dem bayerischen Kultusministerium ist offenbar bewusst, dass durch die Hymnenpflicht allein möglicherweise nicht alle Schüler:innen oder Lehrpersonen mit der notwendigen inneren Haltung an der Veranstaltung beteiligt sind, wenn es in der Verpflichtung zu Hymnen direkt auf die Einhaltung des § 90a StGB (Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole) verweist – dass Rituale ihre Wirkung jedoch nicht entfalten können, wenn sie ohne eine stimmige Haltung sinnentleert werden, ist trotz der 1968er Bewegung und Ritualmüdigkeit bis hin zur weiten Ablehnung im Nachgang zu den politisch instrumentalisierten NS-Ritualen offenbar nicht im Ministerium angekommen. Integration und Zusammenhalt fördern zu wollen ist sicherlich begrüßenswert – durch Zwangsverordnung und Androhung von Strafen bei Umsetzungsfehlern wird genau dieses Ziel jedoch in Frage gestellt.
Kontakt
Wollen Sie mit uns in Kontakt treten?
Weitere Information zu uns und wie Sie Ihren Beitrag bei FMP veröffentlichen können, finden Sie hier.