Der Mythos vom postfaktischen Zeitalter
Rembrandts Nachtwache fesselt den Betrachter: Das Spiel des Malers mit Licht und Schatten zieht den Blick auf die beiden Männer in der Mitte der gewaltigen Leinwand. Da sich mit den US-Wahlen am kommenden Dienstag der zehnte Jahrestag der angeblichen „Ära der Post-Wahrheit“ jährt, sind wir alle wie gebannt von politischen Unwahrheiten, was deren virale Verbreitung noch weiter anheizt.
Dabei sind diese Unwahrheiten die Ausnahmen – daher die Aufmerksamkeit, die sie erregen – welche die Regel bestätigen: Wahrheit zählt nach wie vor. Wir müssen einen Schritt zurücktreten, um das größere Bild zu erkennen. Sonst lassen wir zu, dass diese Unwahrheiten zu unserer Wirklichkeit werden und unser Vertrauen in die Demokratie untergraben – und dann haben die modernen Propagandisten gewonnen.

2016 kürte Oxford Dictionaries bekanntlich „post-truth“ zum Wort des Jahres, nachdem die Wähler angeblich dazu verleitet worden waren, für den Brexit und für Trump zu stimmen. Internationale Medien beobachteten mit Genugtuung, dass in den Stunden nach Bekanntgabe des Brexit-Ergebnisses die Google-Suchen nach „What happens if we leave the EU?“ um 250 Prozent emporschnellten, gefolgt von „What is the EU?“. Doch im Monat vor dem Referendum hatten täglich nur rund 261 Britinnen und Briten nach „What is the EU?“ gesucht – selbst eine Verdreifachung ergäbe weniger als 1.000 Menschen, 0,001 Prozent der Bevölkerung. Und es gibt keinerlei Beleg dafür, dass auch nur eine dieser Suchanfragen von reuigen Leave-Wählern stammte.
Um die US-Wahl von 2016 zu verstehen, richteten wir alle den Blick auf die sozialen Medien. Doch 98 Prozent der russisch beeinflussten Tweets wurden nur von 10 Prozent der Twitter-Nutzer gesehen – 70 Prozent sogar nur von einem Prozent. Zweifelhafte Quellen machten lediglich 6,7 Prozent der politischen Weblinks auf Twitter aus. In den Schlagzeilen wurde angeprangert, dass 126 Millionen Amerikaner vor der Wahl mit Facebook-Inhalten in Berührung gekommen seien, die von Trollen der russischen „Internet Research Agency“ produziert worden waren; Schätzungen zufolge machte dies jedoch nur 0,004 % der von Amerikanern angesehenen Facebook-Inhalte aus.
Harvard-Forscher kamen zu dem Schluss, dass die Desinformation von 2016 nicht in erster Linie von den „üblichen Verdächtigen“ stammte – russischen Bots, Fake-News-Unternehmern, Cambridge Analytica, Facebook oder Echokammern – sondern von einem heimischen Nischennetzwerk konservativer Kommentatoren in den (deregulierten) traditionellen Medien Radio und Fernsehen. Der weitaus größte Teil des Mediensystems blieb derweil den journalistischen Normen von Objektivität und Faktenprüfung treu.
Dieser Essay bezieht sich insbesondere auf folgende Quellen:
Altay, Sacha, Berriche, Manon, and Acerbi, Alberto, ‘Misinformation on Misinformation: Conceptual and methodological challenges’, Special Issue: Multidisciplinary approaches to mis- and disinformation studies, Social Media + Society, 9/1 (2023), 1–13. 10.1177/20563051221150412.
Benkler, Yochai, Faris, Rob, and Roberts, Hal, Network Propaganda: Manipulation, disinformation, and radicalization in American politics (New York: Oxford University Press, 2018).
Budak, Ceren, Nyhan, Brendan, Rothschild, David M. et al., ‘Misunderstanding the Harms of Online Misinformation’, Nature, 630/8015 (2024), 45–53. 10.1038/s41586-024-07417-w.
Und die Jahre danach? Zwischen 2016 und 2019 waren weniger als 0,5 Prozent der angesehenen YouTube-Videos rechts- oder linksextremen Ursprungs, und weniger als ein Prozent der Amerikaner konsumierte 85 Prozent aller impfkritischen Medieninhalte. Für die USA meldeten Schlagzeilen zwischen 2019 und 2020 einen geschätzten Anstieg des Datenverkehrs auf zweifelhaften Websites um 70 Prozent, gegenüber 47 Prozent bei vertrauenswürdigen Seiten. In absoluten Zahlen sieht das Bild jedoch gänzlich anders aus: nur 30 Millionen zusätzliche Besuche auf zweifelhaften Seiten – gegenüber zwei Milliarden zusätzlichen Besuchen auf vertrauenswürdigen. Im Zeitraum 2017 bis 2021 entfielen auf zweifelhafte Websites in den USA, Großbritannien, Deutschland und Frankreich im Schnitt nur 0,1 bis 4,4 Prozent des gesamten Online-Verkehrs.
Für Aufsehen sorgte auch der frühe Befund, Falschinformationen verbreiteten sich sechsmal schneller als die Wahrheit. Doch die Untersuchung hatte allein „umstrittene Themen“ in den Blick genommen, während die meisten wahren Nachrichten unumstritten sind – und noch viel viraler (man denke an Promi-Hochzeiten und Profisport). Folgestudien ergaben, dass während der Corona-Pandemie wissenschaftliche Fakten und Belege häufiger geteilt wurden als Falschinformationen. Insgesamt machten Falschinformationen nur 0,15 Prozent des Medienkonsums der Amerikaner aus.
Natürlich haben Politiker im Brexit-Referendum wie in den US-Wahlkämpfen die Wahrheit gedehnt – aber was ist daran neu?
Fehlinformationen können durch eine verzerrte Darstellung der Sachlage noch verstärkt werden. Unser Scheinwerferlicht auf das Unwahre fügt sich in die allgemeine mediale Aufmerksamkeit für das Anormale – das Sensationelle und Skandalöse. Das Leid in Gaza und in der Ukraine ist entsetzlich und muss enden; dass die Medien seit Jahren auf diese Epizentren blicken, heißt aber zugleich, dass in weiten Teilen der übrigen Welt vergleichsweise Frieden und Wohlstand herrschen. Trump wird oft mit Wilhelm II. verglichen – doch während wir den bombastischen deutschen Kaiser meist mit dem Ersten Weltkrieg verbinden, regierte er zunächst 26 Jahre lang über ein Kaiserreich in relativem Frieden, in einer Zeit militaristischer imperialer Rivalität zwischen den Großmächten. Geografisch wie historisch zoomen wir auf die Krisen – und verlieren das größere Bild aus dem Blick.
Desinformation ist eine Bedrohung für die Demokratie, der wir durch Medienkompetenz und Regulierung, Faktenprüfung und – vor allem – durch die Bekämpfung ihrer zugrunde liegenden gesellschaftspolitischen Ursachen begegnen müssen. Indem wir jedoch das Ausmaß und die Auswirkungen von Desinformation übertreiben, schaffen wir eine Gesellschaft, in der wir nichts und niemandem mehr vertrauen – und dann haben die Propagandisten bereits gewonnen. Treten wir gemeinsam einen Schritt von der Leinwand zurück und sehen wir nicht nur die hell beleuchteten Flecken der Unwahrheit, sondern das viel größere Bild der Wahrheit.
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