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Europa ist ein MeToo-Mann auf der Suche nach gesunder Männlichkeit

Veröffentlicht am
Autor
Betto van Waarden
Schlagwörter
Geopolitik
Politik

Zwischen imperialer Hybris und strategischer Lähmung sucht Europa nach seiner Rolle in einer Welt neuer Großmachtrivalitäten. Betto van Waarden argumentiert, dass der Kontinent nicht zur alten Machtpolitik zurückkehren sollte – sondern zu einem selbstbewussten, postimperialen Selbstverständnis finden muss.

Als Russland 2022 in die Ukraine einmarschierte, griffen amerikanische Politiker eifrig auf ihre Drehbücher aus dem Kalten Krieg zurück. Die Nachkriegszeit hatte eine ganze Generation von „Cold Warriors“ hervorgebracht. Für sie fühlte sich die Rückkehr zu einem Konflikt zwischen modernen Großmächten vertraut an, fast beruhigend im Vergleich zur chaotischen multipolaren Weltordnung mit ihren schwer greifbaren Gegnern wie Terroristen und Guerillagruppen. Nahezu wöchentlich argumentieren Experten, dass auch das naive Europa zu traditioneller Machtpolitik zurückkehren müsse. Doch während die USA, Russland und China nach und nach Grönland, die Ukraine und Taiwan nach der früheren Logik der Einflusssphären aufteilen, sollte Europa gerade nicht blind in seine alte Machtpolitik zurückfallen. Europa gleicht einem MeToo-Mann, gefangen zwischen seiner früheren Aggression und seiner jüngeren Lähmung.  Die aktuelle geopolitische Krise eröffnet jedoch Europa die Möglichkeit, statt auf bekannte Traumamechanismen zurückzugreifen, diese toxische Dualität mit einer neuen Form von Selbstwertgefühl zu überwinden.

Ende des 19. Jahrhunderts war (West-)Europa der Aggressor. Sozialdarwinismus, Hyperimperialismus und neue Massenmedien bildeten einen explosiven Cocktail, der zum Wettlauf um Afrika und zum Ersten Weltkrieg führte und schließlich zu den totalitären Personenkulten um Hitler und Stalin. Auch das Verständnis von Männlichkeit veränderte sich. Aus traditionellem Patriarchat wurde modernes Machotum. Geschockt von seiner eigenen brutalen Unbesonnenheit wurde Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geradezu zurückhaltend. Nachkriegspolitiker wie Clement Attlee oder Willem Drees waren graue Mäuse. In Westdeutschland gewann Konrad Adenauer die Wahlen mit dem Wahlkampfslogan „Keine Experimente“. Zuletzt zeigte sich diese Zurückhaltung in der Unfähigkeit der EU, eingefrorene russische Gelder für Kredite an die Ukraine zu verwenden.

Europas Angst

Der rote Faden war immer die Angst. In der Zeit des Imperialismus führten die Angst vor rivalisierenden Großmächten und die Angst vor kolonialisierten Völkern zu extremer Gewalt; in der Zeit nach dem Imperialismus führten die Angst vor dem Sowjetkommunismus und die Angst vor dem eigenen Gewissen zu Lähmung, Abhängigkeit von den USA und „gefälliger“ Entwicklungshilfe, die beiden Seiten oft die Möglichkeit nahm, auf eigenen Beinen zu stehen. Im 19. Jahrhundert führte Angst zur Flucht nach vorne – im 20. Jahrhundert zur Flucht nach hinten. Durchsetzungsfähigkeit und Passivität in Europas Vergangenheit sind zwei Seiten derselben Medaille. Heute zwingt uns die Angst, diese Münze erneut zu werfen: Wird es noch mehr Rutte’sche Trump-Schmeichelei geben, um unseren amerikanischen Schutzherrn zu behalten, oder eine Rückkehr zu europäischer Großmachtpolitik? Die entscheidende Frage lautet jedoch: Ist unsere derzeitige Angst überhaupt gerechtfertigt?

Unsere gegenwärtige Angst ist zweigeteilt: materiell und ideell. Materiell befürchten wir, ein Zwerg im Land der Riesen zu sein. Doch selbst dann wären wir immerhin ein sehr großer Zwerg. Die USA haben 340 Millionen Einwohner, Russland 144 Millionen und die EU 450 Millionen. Die europäischen NATO-Länder haben zusammen ein BIP, das zehnmal (!) so groß ist wie das Russlands, und der europäische Markt ist nach wie vor der größte der Welt – sogar größer als der der aufstrebenden Länder China und Indien. Realisten sagen dann, dass wir zwar Wohlstand haben, uns aber militärisch nicht verteidigen können. Russland hat 1.134.000 Soldaten, 1.387 Kampfflugzeuge, 83 Marineschiffe und 2.730 Panzer; die USA haben 1.316.000 Soldaten, 3.523 Kampfflugzeuge, 176 Marineschiffe und 2.640 Panzer – die übrigen NATO-Länder verfügen zusammen über nicht weniger als 1.929.000 Soldaten, 2.436 Kampfflugzeuge, 225 Marineschiffe und 6.797 Panzer.

Wachsamkeit ist gut, aber Angst macht blind.

Ideell gesehen befürchten wir, dass unser Gedankengut überholt ist. Obwohl die Idee der EU als Friedensprojekt historisch gesehen weitgehend ein Mythos ist, hat Europa lange Zeit von der Idee der liberalen Demokratie gelebt. Laut der jüngsten Nationalen Sicherheitsstrategie der Trump-Regierung geht diese europäische Demokratie durch die Migration unter. Selbst der Politikwissenschaftler Ivan Krastev argumentiert, dass die europäische Wertegemeinschaft durch die Migrationskrise untergraben wird. Doch sind Migranten ein „Beweis“ für das Scheitern der Idee der europäischen Demokratie – oder gerade für ihren Erfolg? In den meisten „Demokratien“ der Welt spielt es keine Rolle, wie man „wählt“ – die einzige Möglichkeit, seine wahre Meinung zu äußern, ist, „mit den Füßen abzustimmen“. Die globale Migration fließt nicht von Demokratien zu Autokratien. Menschen migrieren von Autokratien zu Demokratien – und aufgrund der Krise der amerikanischen Demokratie zunehmend zu europäischen Demokratien. Selbst Amerikaner – moderne Demokraten par excellence – fliehen nach Europa. Europa ist das neue Ellis Island. Unter Intellektuellen ist es seit Jahrzehnten in Mode, Francis Fukuyamas Idee der liberalen Demokratie als „Ende der Geschichte“ als naiv zu kritisieren. Dennoch riskieren Migranten immer noch ihr Leben für diese Idee. Der derzeitige Druck auf die Demokratie führt auch zu ihrer neuen Wertschätzung. Trotz jüngster Schwankungen ist die Welt in den letzten zwei Jahrhunderten deutlich demokratischer geworden. In den USA haben sich in diesem Jahr so viele Bürger wie nie zuvor für die Demokratie eingesetzt. Die Generation Z setzt sich innerhalb und außerhalb Europas für liberale demokratische Freiheiten ein.

Die Angst in Europa kann daher Raum für mehr Selbstvertrauen machen. Mehr noch, ähnlich wie der moderne Post-MeToo-Mann verfügt Europa über subtilere Stärken: Aufmerksamkeit und Qualität. Der amerikanische Informatiker Cal Newport argumentiert, dass Aufmerksamkeit das wertvollste Gut in unserer Informationsgesellschaft ist. In einer Welt, in der alle ständig abgelenkt sind, haben Menschen einen großen strategischen Vorteil, die sich wirklich in etwas vertiefen können. Der Autor Greg McKeown plädiert in seinem Buch Essentialism sogar dafür, mehr Zeit in die Phase des Brainstormings zu investieren. So fällt es leichter, sich anschließend auf die wirklich wichtigen Ziele zu konzentrieren. Nicht zwanzig Prioritäten, sondern eine oder zwei. Wir beklagen uns oft darüber, dass das langsame Europa hinter dem hyperaktiven Amerika und China zurückbleibt. Vielleicht lässt sich die längere Aufmerksamkeitsspanne in Europa jedoch als Stärke nutzen. Seit Covid sind viele vom Bild des starken Mannes fasziniert. Der Oxford Politologe Archie Brown zeigt in seinem Buch The Myth of the Strong Leader, dass langsamere, kollegiale Formen von Führung langfristig zu besserer Politik führen. Am Ende gewinnt die Schildkröte das Rennen.

Nicolaas Verkolje, The Rape of Europa, c. 1735–c. 1740. Rijksmuseum, Amsterdam. Public domain.

Europas Stärke

Europas größte Stärke ist seine Lebensqualität. Realisten tun Lebensqualität oft als eine naive europäische Marotte ab. Und ja, westeuropäische Gesellschaften konnten über Jahrzehnte auch dank der amerikanischen Sicherheitsarchitektur in relativer Stabilität leben. Doch was ist wertvoller als ein gutes Leben? Wirtschaftlicher, technologischer und militärischer „Fortschritt” sind nur Mittel zum Erreichen dieses ultimativen Ziels. Und für diejenigen, die sich dennoch ein funktionales Argument wünschen: Eine gesunde und glückliche Bevölkerung ist auch eine widerstandsfähige Bevölkerung.

„Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst“, sagte Franklin Roosevelt. Hören wir in Europa auf, in Panik zu geraten. Angst mobilisiert und verbindet Menschen, aber zu viel Angst lähmt und spaltet uns. Wachsamkeit ist gut, aber Angst macht blind. Erst wenn wir wieder zur Ruhe kommen, sehen wir wieder klar. Dann können wir falsche Gegensätze erkennen: Es geht nicht um die Wahl zwischen dem amerikanischen oder dem chinesischen Modell des Technokapitalismus. Es geht nicht um ein abhängiges oder ein durchsetzungsstarkes Europa. Es geht auch nicht um eine europäische „Zivilisation“, die besser oder schlechter ist als andere. Stattdessen öffnet sich ein Weg zu einem Europa, das bei sich selbst ankommt. Ein Europa, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickelt, politisch, technologisch, wirtschaftlich, militärisch und sozial. Ohne sich beweisen zu müssen. Mit Selbstvertrauen. Nach seinem eigenen MeToo-Erbe kann Europa sich neu erfinden. Jenseits der Überheblichkeit des 19. Jahrhunderts und der Unsicherheit des 20. Jahrhunderts hin zu Selbstvertrauen im 21. Jahrhundert. In der weltpolitischen Manosphere mit ihren Tate ähnlichen Brüdern wie Wladimir Putin und Donald Trump sollte Europa nach einer gesunden Form von Männlichkeit suchen, oder besser noch nach einem Selbstwertgefühl, der die Gegenüberstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit hinter sich lässt.

 

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