Ein doppeldeutiges Vermächtnis
Ein Nachruf auf Jürgen Habermas von Herausgeber Dominik Meier.
Mit dem Tod von Jürgen Habermas verliert Europa einen der letzten großen Systemphilosophen des 20. Jahrhunderts. Kaum ein anderer Denker hat das politische Selbstverständnis der Bundesrepublik so geprägt wie er: als Projekt der Vernunft, der deliberativen Öffentlichkeit und der normativen Selbstbindung durch Recht und Argument. Sein Denken ist derzeit zentral für große Teile der politischen Elite in Europa.
Eine aufschlussreiche Episode seines Denkens zeigte sich 2004 bei seiner berühmten Begegnung mit Joseph Ratzinger in München, ein Jahr vor der Papstwahl. Unter dem Titel „Dialektik der Säkularisierung“ diskutierten der säkulare Philosoph und der katholische Theologe über das Verhältnis von Vernunft und Glauben. Habermas räumte dabei ein, dass religiöse Traditionen moralische Ressourcen enthalten können, die demokratische Gesellschaften nicht einfach ersetzen können. Zugleich bestand er darauf, dass diese Inhalte im öffentlichen Raum in eine allgemein verständliche, rationale Sprache übersetzt werden müssen. In dieser Begegnung zeigte sich ein zentraler Zug seines Denkens: der Versuch, unterschiedliche Weltdeutungen in ein gemeinsames Verfahren der Verständigung zu überführen.
Habermas’ Werk konzentriert sich im Kern auf folgenden Vorschlag: Moderne Gesellschaften können ihre Konflikte durch Argumente „zivilisieren“. In seiner berühmten Theorie des kommunikativen Handelns und seiner Diskursethik formulierte er die Vorstellung eines politischen Raums, in dem final die Vernunft – nicht Macht, Habitus oder Herkunft – über Legitimität entscheidet. Demokratie erschien bei ihm als institutionalisierter Prozess rationaler Verständigung. Und diese Form der Verständigung galt in ihrer hypothetisch idealisierten Form für Habermas sogar als Fundament der Wahrheit. Wahr sei jenes, so seine radikale Konsensustheorie der Wahrheit, worauf sich alle Beteiligten in einer idealen Sprechsituation einigten. So zielt Diskurs denn auch nicht mehr auf Wahrheit und Wissen ab – der Diskurs kann dies streng genommen nicht einmal –, sondern konstituiert sie. Gerade diese These machte seine Philosophie so wirkmächtig wie auch umstritten.
Habermas verstand dieses Projekt immer auch als Gegenentwurf zu jenen Denkströmungen der deutschen Philosophie, die er für politisch problematisch hielt. Besonders deutlich wurde dies in seiner scharfen Kritik an Martin Heidegger, dessen Denken er trotz seiner philosophischen Bedeutung als politisch kompromittiert betrachtete. Für Habermas war Heideggers Nähe zum Nationalsozialismus kein äußerlicher Irrtum, sondern Ausdruck einer philosophischen Haltung, die sich gegenüber den normativen Ansprüchen demokratischer Öffentlichkeit verschließt.
Eine ähnliche Rolle spielte Habermas im Historikerstreit der 1980er Jahre. In der Auseinandersetzung um die Deutung der nationalsozialistischen Vergangenheit stellte er sich entschieden gegen Versuche, den Holocaust in eine vergleichende Geschichte der Gewalt des 20. Jahrhunderts einzuordnen, die seine historische Singularität relativieren könnte. Vielmehr bedeute der Völkermord an den Juden, wie Habermas einst schrieb, eine „Sprengung des Kontinuitätsgefühls der deutschen Geschichte“. Für ihn stand hier mehr auf dem Spiel als eine historische Detailfrage. Es ging um das normative Fundament der Bundesrepublik selbst: die Einsicht, dass die demokratische Ordnung Deutschlands aus der kritischen Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Vergangenheit hervorgegangen ist.
Gerade in solchen Interventionen zeigte sich die normative Kraft seines Denkens – und zugleich der Punkt, an dem viele Kritiker ansetzen. Denn so überzeugend die Idee einer durch Vernunft geleiteten Öffentlichkeit wirkt, so selten folgt die politische Realität tatsächlich dem Ideal eines herrschaftsfreien Diskurses. Macht, Interessen und strategisches Handeln prägen politische Prozesse häufig stärker, als Habermas’ Theorie es vorsieht. Kritiker warfen ihm daher vor, die konflikthafte Struktur der Politik zu unterschätzen. Politik, so auch der Einwand, den Christian Blum und ich in unserem Buch „Logiken der Macht“ formulieren, sei eben kein Seminarraum, sondern ein komplexes Feld konkurrierender Interessen und Machtlinien, in dem Entscheidungen häufig unter Bedingungen von Druck, Ungleichheit und strategischer Kalkulation getroffen werden. Zudem verengt das habermas’sche Kommunikationsverständnis die tatsächlichen Zugangsbedingungen zum Diskurs letztlich auf einen engen Kreis akademisch geprägter Experten. Dieser Diskurs privilegiert jene, die über die kulturellen Ressourcen, sprachlichen Kompetenzen und sozialen Startchancen verfügen, um die impliziten Rituale und den Habitus eines solchen Diskurses zu beherrschen – und schließt damit viele weniger Privilegierte faktisch aus.
Eng damit verbunden ist eine zweite Kritik: Habermas neigte dazu, politische Gegensätze moralisch zu überformen. Wo unterschiedliche Interessen oder Weltbilder aufeinandertrafen, wurde der Konflikt in seinem Denken häufig als Frage normativer Richtigkeit interpretiert. Das verlieh politischen Debatten eine moralische Intensität, die zwar Orientierung bot, zugleich aber den Raum für legitimen Dissens verengen konnte. Gegner erschienen dann nicht nur als politisch andersdenkend, sondern als ethisch defizitär.
Auch sein europäisches Projekt blieb nicht frei von Einwänden. Habermas setzte große Hoffnungen auf einen postnationalen „Verfassungspatriotismus“. Er verband damit die Vorstellung, dass demokratische Loyalität sich primär an gemeinsamen Prinzipien orientieren könne und weniger an historisch gewachsenen Identitäten. Doch Demokratien leben eben nicht nur von Verfahren und Normen. Sie beruhen vor allem auf geteilten Erfahrungen, Sinnstiftungen und einem Gefühl politischer Zugehörigkeit (einem Wir-Gefühl), das sich nicht allein aus abstrakten Verfassungswerten speist. Der Verfassungspatriotismus blendet den identitätsstiftenden Charakter geteilter kultureller Traditionen, Werte und Bräuche ebenso aus wie den Bezug auf Ursprungsterritorien, mithin die Idee von Heimat.
Über Jahrzehnte prägte Habermas neben Denkern wie Theodor Adorno, Hans-Georg Gadamer und Peter Sloterdijk den intellektuellen Ton der Bundesrepublik. Seine Stimme war moralisch und argumentativ so prägend, dass sie für viele zum Maßstab des legitimen politischen Diskurses wurde. Das verlieh dem öffentlichen Denken auch Orientierung. Es erzeugte aber auch eine diskursive Ordnung, in der bestimmte Positionen schneller als unvernünftig oder illegitim galten.
Sein Vermächtnis bleibt deshalb doppeldeutig. Im besten Sinne des Wortes! Er hat die Hoffnung formuliert, dass Politik mehr sein kann als nur Machtkämpfe. Doch gerade die Debatten über sein Werk erinnern daran, dass Demokratie immer auch vom offenen, sogar unversöhnlichem, Streit lebt. Vielleicht liegt darin die eigentliche Größe von Habermas: dass seine Theorie der Verständigung eine der spannendsten Auseinandersetzungen der europäischen Gegenwart ausgelöst hat.

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