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Macht und Ohnmacht im Zeitalter der Plattformisierung

Veröffentlicht am
Autor
Jan Niklas Kocks

Die Utopie des frühen Online-Zeitalters ist tot – so sie denn je so gelebt hat wie frühe Enthusiasten und späte Nostalgiker sie zeichneten und zeichnen.

Die digitale Sphäre erscheint kolonisiert durch ein Oligopol globaler Anbieter digitaler Infrastrukturen mit eigenen Logiken und Interessen. Fragen danach, was dieser Wandel für die politische Kommunikation, Politik und Gesellschaft bedeutet, sind von hoher Aktualität und halten Einzug in die öffentliche Debatte. Diese wirkt polarisiert, wobei v.a. besorgte bis alarmistische Stimmen den Ton angeben. Historisch begründete Reflexion erscheint geboten.

Utopien der Frühzeit, Ernüchterung und Realismus

Mit der breiten Nutzbarmachung des Internets in den 1990er Jahren entsteht ein kommunikativer Möglichkeitsraum. Eine freie Sphäre der digitalen Debatte soll geschaffen werden – digitale Deliberation im (normativen) Sinne Habermas‘ gilt beinahe als Minimalziel. Wissenschaftlich wird dies früh mit kritischer Distanz aufgenommen – dass die Erosion tradierter Strukturbedingungen notwendig zur Erosion etablierter Machtallokationen führe, dürfe keinesfalls als Automatismus begriffen werden, vielmehr sei mit einer Normalisierung im Sinne einer Replikation realweltlicher Machtstrukturen zu rechnen. Die Entwicklungen der 2000er und frühen 2010er Jahre bestätigen dies. Zeitgenössische Untersuchungen indizieren eine deutliche Veränderung struktureller Bedingungen bei sehr verhaltenen Verschiebungen im Feld der relevanten Akteure. Der online rezipierte Content entsteht weiterhin in bekannten Medienhäusern, politisch wie gesellschaftlich zentrale Akteure orientieren ihre kommunikativen Netzwerke daran. Die digitale Revolution unterfällt – zumindest vorläufig – tatsächlich der Normalisierung.

Der Auftritt der Infrastrukturgiganten

Die Online-Welt der 2020er Jahre ist in der Hand globaler Plattformanbieter. Dies induziert einen grundlegenden Wandel dominanter Produktionsmodelle – mit Srnicek könnte man vom ‚Plattformkapitalismus‘ sprechen, mit Zuboff gar vom ‚Überwachungskapitalismus‘. Damit geht zugleich auch ein grundlegender Wandel von Öffentlichkeit(en) einher – Habermas vermutete zuletzt gar einen erneuten ‚Strukturwandel‘, van Dijck spricht nüchterner von der Emergenz einer ‚Plattformgesellschaft‘. Deren Basisstrukturen erscheinen umfassend transformiert und zugleich kommunikativ wie ökonomisch unvermeidbar. Ihre Kontrolle liegt in der Hand eines überschaubaren Sets globaler Unternehmen. Fragen nach den Implikationen dieses Wandels gewinnen an Salienz.

Anreizsysteme einer digitalen Kommunikationswelt

Plattformbasierte Kommunikation ist anders. Sichtbarkeit und Rezeptionschancen unterfallen neuen und nicht immer transparenten plattformisierten Logiken. In der Debatte erscheinen dabei zwei Argumentationsstränge dominant: Algorithmische Selektion bevorzuge v.a. extreme Inhalte, was der Polarisierung Vorschub leiste. Weiterhin bedingten die aufmerksamkeitsökonomischen Logiken der Plattformisierung eine Zunahme kommunikativen ‚Bullshits‘. Was ist dazu zu sagen?

Ein Videospiel-Szenario mit Hindernissen und Plattformen auf verschiedenen Ebenen.
Spielend einfach? Wer sichtbar sein will, muss springen – doch über Reichweite entscheiden Technik und Publikum gemeinsam. (KI-generiert mit ChatGPT).

Reflexionen algorithmischer Selektion kranken grundsätzlich daran, dass eben jene notwendig intransparent ist. Aus wissenschaftlicher Beobachtung lassen sich dennoch Befunde zu dem ableiten, was in dieser Sphäre an Reichweite gewinnt. Und diese scheinen die alarmierende Annahme zunächst zu bestätigen: (populistische) Akteure der politischen Ränder erscheinen beinahe omnipräsent. Aber wessen Schuld ist das? Zunächst muss hier festgehalten werden, dass diese von Beginn an auf digitale Kommunikation setzten und noch immer setzen. Der verhasste mediale Mainstream wird umspielt, das potenziell gewogene Publikum digital dauerbeschallt. Damit wachsen Erfahrung und Reichweite. So wenig wünschenswert dies vielleicht sein mag: Die Ränder können es oftmals besser. Darüber hinaus muss sich das Publikum an die eigene Nase fassen: Der Click auf den Beitrag – und sei es nur um sich zu empören – amplifiziert dessen Reichweite, lässt die Plattform lernen, dass eben dieser Content auch jenseits des Rand-Publikums gut geht. „Ich bin’s nicht, Elon ist es gewesen…“ – das ist ebenso bequem wie verkürzt.

Die Zunahme kommunikativen ‚Bullshits‘ ist oftmals augenfällig. Soziale Netzwerke werden mit den Produkten der KI geflutet, (politische) PR aus dem Large Language Model wird alltäglicher. Populistische Akteure zeigen sich auch hier weniger zögerlich; Strukturen und (interne) Erwartungshaltungen schaffen strukturelle Vorteile bei Tempo und Volumen der Content-Produktion. Ganz aktuell flammt eine Debatte darum auf, ob und inwieweit KI-generierter ‚journalistischer‘ Content akzeptabel sei. Zumindest für den Moment haben deutsche Qualitätszeitungen dies (noch) verneint. Ursächlich sind hier v.a. Aspekte der Aufmerksamkeitsökonomie: Das Angebot an Kommunikaten wächst stetig an – ohne dass die begehrte Ressource der Aufmerksamkeit dabei mithalten würde. Der Konkurrenzkampf wird härter, die finanziellen Ressourcen aber nicht größer, was wesentlich auch im Konsumentenverhalten begründet liegt. Die Entwicklung ist misslich, aber nicht monokausal auf technologische Entwicklungen zurückzuführen: Man bekommt, wofür man bezahlt.

Die Entscheidung über Gewinner und Verlierer der Plattformisierung wird nicht nur technologisch, sondern auch durch Rezeptionsentscheidungen gefällt.

Die Automatisierung politischer Kommunikation

Diese Entwicklungen greifen – hier liegt mit Vorwürfen hinsichtlich der KI-Nutzung für politische Beiträge durch hochrangige Amtsträger ein skandalträchtiges Beispiel vor – auch in den Bereich der politischen Kommunikation über. Auf niedrigerem Level wird der Einsatz von Chatbots alltäglicher und, im Gegensatz zum zuvor genannten Sachverhalt, oftmals auch akzeptierter. Was folgt daraus für die diskursive Verankerung der Politik in der Gesellschaft? Künstliche Intelligenz muss als Bestandteil des kommunikativen Alltagslebens aufgefasst werden. Ihr Einsatz ist für die politische Kommunikation nicht ohne Risiken: Was durch Akteure entäußert wird, das wird diesen auch zugerechnet. Die Politik haftet in letzter Konsequenz für die Halluzinationen der KI. Daraus folgend entwickelt sich eine Differenzierung zwischen kommunikativen Alltagsaufgaben, die, unter Anerkenntnis der bestehenden Risiken, dirigiert werden können, und echter und tiefer Kommunikation, die Domäne humaner Akteure ist und bleibt. Das persönliche Gespräch wird, davon überzeugt die aufmerksame Beobachtung anderer Tische in einschlägigen Kaffeehäusern und Lokalen in Berlin-Mitte, mitnichten obsolet.

Neue und alte Rollen journalistischer Medien

Eng mit den skizzierten technologischen Entwicklungen verwoben erscheint schließlich die Frage danach, was nun mit den alten Medien werde. Auch hier ist wissenschaftliche Präzisierung geboten: Chadwick weist bereits in einer früheren Phase der Digitalisierung treffend drauf hin, dass die Emergenz neuer Medien mitnichten Obsoleszenz induziere. Alte Medien passen sich an, werden in dieser Perspektive zu ‚erneuerten Medien‘. Journalismus steht in der Plattformisierung unter Druck, muss um Ressourcen kämpfen, vielleicht stärker kämpfen als je zuvor. Der latenten Versuchung nach der Produktion immer größerer und immer günstiger produzierten Content-Mengen nachzugeben, wird dabei zur echten Gefahr – geringe Zahlungsbereitschaft wird nicht dadurch größer, dass anderswo umsonst verfügbare Inhalte aufgehübscht werden: Churnalism is not the answer… Eine Rückbesinnung auf Kernfunktionen erscheint demgegenüber mindestens als Chance. Erneut sei hier auf den Forschungsstand zu Netzwerken politischer Kommunikation verwiesen: Strukturelle Disruption hat bisher nicht zu einer grundlegenden Veränderung des Sets fokaler Akteure geführt – und bis dato gibt es hier auch keine Anzeichen für eine Trendwende. Jenseits dieses Sets werden die Bedingungen unzweifelhaft härter, führen dort ggf. doch zur Obsoleszenz einzelner Sektoren und Akteure. Die Entwicklung ist zentrifugal: Der Kern verdichtet sich, die Ränder werden abgestoßen.

Fazit

Alarmismus generiert Aufmerksamkeit – er erscheint dabei jedoch wissenschaftlich zweifelhaft und oftmals schlicht ahistorisch: Die populäre wie auch etwas zweifelhafte Gleichsetzung Musk-Hugenberg räumt nolens volens sogar ein, dass Marktmacht und publizistische Macht nicht erst im Plattform-Zeitalter Hand in Hand gehen. Sethes Diktum, wonach die Pressefreiheit im Wesentlichen die Freiheit einiger Reicher sei, ihre Meinung zu verbreiten, datiert gar 40 Jahre vor dem ersten Tweet…

Mit der Plattformisierung stehen die öffentliche Kommunikation und der Resonanzraum der Öffentlichkeit inmitten eines strukturellen Wandels. Dabei gibt es Gewinner und Verlierer. Wer diese sind, ist mitnichten allein technologisch determiniert, sondern auch eine Frage von Konsum- und Rezeptionsentscheidungen. Mündige Bürgerinnen und Bürger haben als aktive Kommunikatoren wie auch Rezipienten weiterhin Einfluss. Wie eine solche Mündigkeit unter den Bedingungen der Plattformisierung aussehen kann und soll, wird zur gesellschaftlich und medienpädagogisch zentralen Frage. Zugegeben: politikwissenschaftlich ist die Frage der politischen Entscheidungsfundierung und Bewertungsleistung des Elektorats nicht erst seit den breit rezipierten Arbeiten von Achen und Bartels umstritten. Die Frage ist jedoch, was aus diesen – durchaus kontrovers diskutierten – empirischen Befunden folgt: Die verfassungsrechtliche Entscheidung für eine repräsentative Demokratie (in der das Wahlrecht gerade nicht an einen wie auch immer gearteten Kompetenznachweis gebunden ist) verbietet es schlicht, hier vom Bild des unmündigen und – je nachdem wie (vermeintlich) irrational seine Entscheidung ausfallen mag – vom sinistren Tech-Giganten fremdgesteuerten Bürger auszugehen.

Gesunde Besorgnis erscheint demgegenüber staatsbürgerlich durchaus sinnvoll und geboten. Medienkompetenz war schon seit jeher eine wesentliche (und zugleich oftmals eher stiefmütterlich behandelte) Kompetenz für all jene, die aktiv am demokratischen Gemeinwesen teilhaben. Diese Rolle kommt ihr auch und gerade unter den Bedingungen der Plattformisierung zu. Die Befähigung zur kritischen Reflexion eigener Konsum- und Selektionsentscheidungen sichert und erhält Einfluss, sie ist es, die die Grenze zwischen Macht und Ohnmacht im Zeitalter der Plattformisierung markiert. Frei nach Gorbatschow warten hier Gefahren v.a. auf all jene, die nicht auf das (neue und plattformisierte) Leben reagieren.

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